Springreiter im roten Schweizer Team-Outfit mit einem Fuchspferd über einem Hindernis bei einem internationalen Springturnier.

Steve Guerdat: Das Porträt einer zeitlosen Reitsport-Legende

Er ist Olympiasieger, Europameister, Dreifach-Weltcupsieger und Silbermedaillengewinner von Paris 2024: Steve Guerdat gehört zweifelsohne zu den prägendsten Persönlichkeiten des modernen Springsports. Doch hinter den zahllosen Titeln und Medaillen steckt weit mehr als nur ein erfolgreicher Athlet. Der Schweizer Ausnahmereiter verkörpert eine tiefe, fast schon kompromisslose Philosophie im Umgang mit dem Pferd, die ihn in der Weltklasse einzigartig macht.

Inhaltsverzeichnis

Wer ist der Mann aus dem jurassischen Bassecourt, der im Sattel mit unvergleichlicher Eleganz und kühlem Kopf agiert, am Boden jedoch als bedachter, nahbarer Pferdemann besticht? Wie verlief sein steiniger Weg an die Weltspitze, welche vierbeinigen Partner haben seine Karriere geprägt und wie sieht der Alltag auf seiner Traum-Anlage im schweizerischen Elgg aus? In diesem umfassenden Porträt beleuchten wir die Biografie, die Meilensteine und die Pferdewohl-Philosophie von Steve Guerdat.

Steckbrief: Steve Guerdat im Überblick

Vollständiger Name: Steve Guerdat
Geburtsdatum: 10. Juni 1982
Geburtsort: Bassecourt, Kanton Jura (Schweiz)
Nationalität: Schweizer
Wohnort & Heimatstall: Elgg, Kanton Zürich (Schweiz)
Familienstand: Verheiratet mit Fanny Skalli (seit Januar 2021)
Kinder: Eine Tochter (Ella, geb. 2021)
Größte Einzelerfolge: Olympiasieger Einzel 2012, Olympia-Silber Einzel 2024, Europameister Einzel 2023, dreifacher Weltcupsieger (2015, 2016, 2019)
Team-Erfolge: Olympia-Bronze 2008, EM-Gold 2009, EM-Bronze 2003, 2005 und 2017
Offizielle Website: steveguerdat.com

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Die Kindheit im Jura: Die Pferdeliebe in den Genen

Die Geschichte von Steve Guerdat ist unzertrennlich mit der Tradition des Schweizer Pferdesports verwoben. Am 10. Juni 1982 im beschaulichen Bassecourt im Kanton Jura geboren, wuchs Steve in einem Umfeld auf, das vom Geruch nach Frischem Heu und dem Hufgeklapper internationaler Fahrten geprägt war.

Sein Vater Philippe Guerdat war selbst ein hocherfolgreicher internationaler Springreiter, nahm an zwei Olympischen Spielen teil (1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul) und prägte später als hochgeschätzter Equipechef der französischen und brasilianischen Nationalmannschaften die globale Reitsportszene. Auch Mutter Christiane war stets die treibende Kraft im Hintergrund.

Schon im Alter von sieben Jahren stieg Steve erstmals in den Sattel. Was bei vielen Kindern als Freizeitbeschäftigung beginnt, entwickelte sich bei ihm rasch zu einer beispiellosen Obsession. Seine Junioren- und Jungen-Reiter-Zeit las sich wie ein Drehbuch: Guerdat besaß bereits in jungen Jahren dieses feine, kaum lehrbare Gespür für Distanzen, Rhythmus und die feinen Nuancen der Pferdepsyche.

Die Lehrjahre bei Jan Tops: Die Schule des Profisports

Ein entscheidender Wendepunkt in Guerdats junger Karriere datiert auf das Jahr 2002. Im Alter von knapp 20 Jahren verließ der Schweizer seine Heimat, um als Bereiter im niederländischen Valkenswaard im Stall des ehemaligen Olympiasiegers und Pferdehändlers Jan Tops anzuheuern.

Die drei Jahre bei Tops waren intensiv, lehrreich und forderten dem jungen Reiter alles ab. In Valkenswaard lernte Guerdat nicht nur, wie man Pferde auf internationalem Fünf-Sterne-Niveau vorstellt, sondern auch die kommerziellen Mechanismen des modernen Pferdesports kennen. Hier ritt er Pferde wie Tialda oder Pialotta und sammelte erste Championatserfahrung bei den Senioren. 2003 gewann er mit der Schweizer Equipe EM-Bronze in Donaueschingen – der Startschuss für eine beispiellose internationale Karriere.

Trotz des sportlichen Erfolgs zog es Guerdat zurück in die Schweiz. Der kommerzielle Druck und der schnelle Wechsel an Pferden entsprachen nicht vollends seinen Vorstellungen von einer nachhaltigen Partnerschaft mit dem Pferd. Er wollte Pferde selbst ausbilden, über Jahre begleiten und feilen.

Der Weg in die Selbstständigkeit: Über Herrliberg nach Elgg

Nach einer Zwischenstation bei Förderer Yves G. Chauvin auf dem Landgut Rütihof in Herrliberg wagte Steve Guerdat den Schritt in die komplette Eigenständigkeit. 2017 erfüllte er sich schließlich seinen Lebenstraum: Er erwarb die Reitanlage von Urs Schwarzenbach im zürcherischen Elgg.

Die Anlage in Elgg ist mehr als nur ein Trainingszentrum – sie ist das Manifest von Guerdats Philosophie. Auf weitläufigen Weiden, hügeligen Galoppstrecken und naturbelassenen Ausreitwegen finden seine Pferde genau das, was im modernen Spitzensport oft zu kurz kommt: Raum zum Pferd sein.

Die legendären Pferdepartner an Guerdats Seite

Ein Spitzenreiter wird im Parcours von seinen Pferden getragen. Steve Guerdat hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bewiesen, dass er nicht auf ein einziges Ausnahmepferd angewiesen ist. Er hat zahlreiche Pferde an die absolute Weltspitze geführt. Drei von ihnen stechen jedoch besonders hervor:

1. Nino des Buissonnets: Das eigensinnige Genie

Der braune Selle-Français-Wallach Nino des Buissonnets (v. Kannan x Narcos II) war das Pferd, das Steve Guerdats Namen für immer in den Geschichtsbüchern verankerte. Nino galt als extrem sensibel, heiß und im Parcours beinahe übermotiviert. Viele Reiter wären an dem eigensinnigen Wallach verzweifelt. Guerdat hingegen gab Nino den Freiraum, den er brauchte, und baute ein blindes Vertrauen auf.

Die Bilanz des Duos ist legendär:

  • Einzel-Gold bei den Olympischen Spielen 2012 in London (als einziger Reiter im Einzel-Finale ohne jeden Abwurf).
  • Platz 4 bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.
  • Sieg beim Weltcup-Finale 2016 in Göteborg.
  • Siege in den Großen Preisen von Genf, La Baule und Rotterdam.

Ende 2016 wurde Nino im Rahmen des CHI Genf vor heimischem Publikum bei emotionalen Szenen kerngesund in den Ruhestand verabschiedet.

2. Bianca: Die unvergessene Herzensstute

Die BWP-Stute Bianca (v. Balou du Rouet x Cardento) war die Publikumsliebling im Stall Guerdat. Mit ihrer enormen Sprungkraft, ihrem unbändigen Kampfgeist und ihrer charakteristischen Busch-Mähne verzückte sie Fans weltweit. Mit Bianca holte Guerdat unter anderem Einzel-Bronze bei den Weltreiterspielen 2018 in Tryon sowie Team-Bronze bei der EM 2017 in Göteborg.

Der plötzliche Tod der Stute im Sommer 2021 infolge einer schweren Kolik traf Guerdat zutiefst. Bis heute bezeichnet er Bianca als eines der charakterstärksten und treuesten Pferde, die er je reiten durfte.

3. Dynamix de Bélhème: Die Königin der Moderne

Mit der Selle-Français-Stute Dynamix de Bélhème (v. Snaike de Blondel x Corrado II) reitet Steve Guerdat seit einigen Jahren von einem Triumph zum nächsten. Guerdat entdeckte die Stute bereits fünfjährig und prophezeite schon früh, sie besitze das Potenzial, eines der besten Pferde der Reitsportgeschichte zu werden.

Seine Geduld zahlte sich aus:

  • Einzel-Gold bei der Europameisterschaft 2023 in Mailand.
  • Einzel-Silber bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris nach einem hochdramatischen Stechen im Schlossgarten von Versailles.

Chronologie der größten Karriere-Erfolge

Sportliche Erfolge von Steve Guerdat

Steve Guerdat gehört zu dem erlesenen Kreis von Reitern, die im Laufe ihrer Karriere nahezu jeden großen Titel der Springreiter-Welt gewinnen konnten.

  • Erste Championatsmedaille bei den Senioren

    Im Alter von nur 21 Jahren gewinnt Guerdat auf Tialda Team-Bronze bei den Europameisterschaften in Donaueschingen.

  • Olympia-Bronze mit dem Schweizer Team

    Bei den Olympischen Spielen in Hongkong holt er gemeinsam mit der Schweizer Equipe auf Jalisca Solier die Bronzemedaille.

  • Olympiasieger im Einzel von London

    Der größte Erfolg seiner bisherigen Karriere: Im Sattel von Nino des Buissonnets reitet Guerdat in London zu Einzel-Gold.

  • Erster Weltcupsieg in Las Vegas

    Mit der Stute Albführen's Paille triumphiert Guerdat erstmals beim Weltcup-Finale in Las Vegas.

  • Zweiter Weltcupsieg & Olympia-Platz 4

    Titelverteidigung beim Weltcup-Finale in Göteborg mit Nino des Buissonnets. Im Sommer belegt das Paar Platz 4 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

  • Dritter Weltcupsieg & Nummer 1 der Welt

    Mit Alamo gewinnt Guerdat in Göteborg sein drittes Weltcup-Finale. Das gesamte Jahr 2019 führt er durchgehend die FEI-Weltrangliste an.

  • Europameister im Einzel in Mailand

    Im Sattel von Dynamix de Bélhème krönt sich Guerdat im San Siro von Mailand zum Einzel-Europameister.

  • Olympia-Silber in Paris

    Vor der Kulisse von Versailles gewinnt Guerdat mit Dynamix de Bélhème die Silbermedaille im Einzel-Springen.

Horsemanship & Philosophie: Was Steve Guerdat unterscheidet

In einer Ära, in der der globale Pferdesport zunehmend von kommerziellen Interessen, hochdotierten Turnierserien wie der Global Champions Tour und schnellen Verkäufen geprägt ist, bildet Steve Guerdat ein wohltuendes Gegengewicht. Er gilt als die Stimme der Vernunft und als leidenschaftlicher Verfechter des Pferdewohls.

1. Artgerechte Haltung als Leistungsfundament

Auf seiner Anlage in Elgg verbringen selbst die millionenschweren Spitzenpferde täglich mehrere Stunden in Gruppen oder einzeln auf den grünen Weiden. Guerdat ist überzeugt: Ein Pferd, das im Kopf nicht ausgeglichen ist und keine Natürlichkeit erleben darf, kann im Parcours auf Fünf-Sterne-Niveau keine Höchstleistungen abrufen.

2. Kein Abkürzen in der Ausbildung

Junge Pferde werden bei Steve Guerdat langsam und schonend aufgebaut. Trotz verlockender Angebote verzichtet er darauf, junge Talenten zu früh auf großen Turnieren zu überfordern. Dynamix de Bélhème ist das beste Beispiel: Sie wurde über Jahre hinweg behutsam an den großen Sport herangeführt, ehe sie 2023 und 2024 ihr volles Potenzial abrief.

3. Mentale Stärke & Kühle im Parcours

Reitexperten schwärmen seit Jahren von Guerdats Oberkörper-Ruhe und seinen weichen Händen. Selbst im hektischsten Stechen behält er eine nahezu unerschütterliche Balance. Er reitet nie gegen das Pferd, sondern sucht immer den passenden Rhythmus, der dem Bewegungsablauf des jeweiligen Pferdes am besten entspricht.

Privatleben: Das Familienglück in Elgg

So fokussiert und ehrgeizig Steve Guerdat im Parcours agiert, so sehr schätzt er abseits des Scheinwerferlichts die Ruhe und die Familie.

Im Januar 2021 gab er der erfolgreichen französischen Springreiterin Fanny Skalli das Ja-Wort. Im April desselben Jahres erblickte die gemeinsame Tochter Ella das Licht der Welt. Das Familienglück machte den Schweizer Reiter nach eigenen Aussagen ruhiger und verlieh seinen sportlichen Erfolgen eine neue Perspektive.

Fanny Guerdat-Skalli ist nicht nur seine Ehefrau, sondern betreibt gemeinsam mit ihm den Ausbildungsstall in Elgg und reitet selbst weiterhin erfolgreich auf internationalem Niveau.

Fazit: Ein Vorbild für die Zukunft des Reitsports

Steve Guerdat ist längst mehr als nur ein erfolgreicher Schweizer Reitsportler. Er ist eine globale Ikone, ein Vorbild für junge Reiterinnen und Reiter und ein unermüdlicher Botschafter für den respektvollen Umgang mit dem Sportpartner Pferd.

Mit seiner beeindruckenden Medaillensammlung, seiner klaren Haltung und seinen herausragenden Pferden hat er bereits jetzt Reitsportgeschichte geschrieben – und seine Reise im Sattel ist noch lange nicht zu Ende.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Steve Guerdat

Wo liegt der Stall von Steve Guerdat?

Der eigene Ausbildungs- und Trainingsstall von Steve Guerdat befindet sich in der Gemeinde Elgg im Kanton Zürich (Schweiz). Die Anlage bietet weitläufige Weiden, moderne Trainigsbedingungen und ideale Ausreitmöglichkeiten.

Wer ist die Ehefrau von Steve Guerdat?

Steve Guerdat ist seit Januar 2021 mit der französischen Springreiterin Fanny Skalli verheiratet. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter namens Ella.

Wie viele Weltcupsiege hat Steve Guerdat gefeiert?

Steve Guerdat konnte bisher drei Weltcup-Finals im Einzel gewinnen: 2015 in Las Vegas (mit Albführen's Paille), 2016 in Göteborg (mit Nino des Buissonnets) und 2019 ebenfalls in Göteborg (mit Alamo).

Welches ist das aktuell beste Pferd von Steve Guerdat?

Das aktuelle Spitzenpferd in Guerdats Stall ist die Selle-Français-Stute Dynamix de Bélhème. Mit ihr gewann er 2023 Einzel-Gold bei der Europameisterschaft in Mailand sowie 2024 Einzel-Silber bei den Olympischen Spielen in Paris.

Wie heißt das Olympiasieger-Pferd von Steve Guerdat?

Mit dem Fuchswallach Nino des Buissonnets gewann Steve Guerdat 2012 bei den Olympischen Spielen in London die Goldmedaille im Einzelspringen.

Autor*in
Sina SchubertMehr VON CMH.TV

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