Braunes Pferd mit Longiergurt beim Longieren in einer Reithalle. Das Pferd bewegt sich in Dehnungshaltung zur Förderung der Rückenmuskulatur und der Tragekraft. Oben links ist das ClipMyHorse.TV-Logo sichtbar.

Trageerschöpfung beim Pferd: Mit Aufbautraining zurück in die Tragkraft

Eine Trageerschöpfung beim Pferd ist ein schleichender Prozess, bei dem die Rumpfmuskulatur die Kraft verliert. Ohne entsprechenden Muskelaufbau wird der Rumpf des Pferdes kollabieren.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Trageerschöpfung?

Von einer Trageerschöpfung beim Pferd spricht man, wenn dem Pferd die Kraft fehlt, seinen Rumpf über seine Muskeln, Bänder und Sehnen oben zu halten. Da dem Pferd ein Schlüsselbein als knöcherner Stabilisator zwischen den Schultern fehlt, rutscht der Rumpf in der Folge von Erschöpfung durch die Schulterblätter nach vorne unten durch. Dabei entstehen die deutlichsten optischen Anzeichen für Trageerschöpfung beim Pferd: ein Senkrücken, ein Unterhals und ein vorstehendes Buggelenk.

Weiterhin werden die Begriffe Trageermüdung, Trageschwäche, Tragekrafterschöpfung oder Topline-Syndrom synonym verwendet.

Bei einer Trageerschöpfung handelt es sich nicht um eine Erkrankung, sondern vielmehr um ein Symptom, das aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren heraus entsteht und Folgeschäden wie Arthrose, Sehnenschäden und Kissing Spines nach sich ziehen kann. Sie ist ein schleichender Prozess und das Resultat von stringentem Ignorieren der ersten Erschöpfungsanzeichen beim Pferd. Irgendwann kapituliert der Rumpf des Pferdes und sackt ab.

Merke!
Es ist wichtig zu verstehen, dass es bei einer Trageschwäche nicht darum geht, dass das Pferd zu schwach für einen Reiter ist. Ist das Pferd trageschwach, kann es seinen eigenen Körper nicht mehr auf Spannung hochhalten. Jedes (Reit-)Pferd ist von Natur aus trageschwach, da es mit seinem brückenartigen Körperbau nicht dazu konzipiert ist, Lasten in Form eines Reiters zu tragen. Die Tragfähigkeit als Reit- und Lasttier muss dem Pferd erst durch eine systematische Ausbildung antrainiert werden.

📖 Lesetipp: Ein Senkrücken ist ein typisches Merkmal für eine trageschwache Rumpfmuskulatur, aber nicht immer durch eine Trageerschöpfung bedingt. Bei manchen Pferden kann ein Senkrücken auch angeboren sein.

👉🏼 Lesetipp: Mehr zum Thema findest du im Artikel „Senkrücken: Wenn der Pferderücken durchhängt“

Wie sieht Trageermüdung aus? Trageerschöpfung beim Pferd erkennen

Die Trageerschöpfung beim Pferd wird von vielen Pferdemenschen mit einem Senkrücken assoziiert. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt, da der Rücken und Bauch tatsächlich mit fehlender Tragfähigkeit durchhängen. Dennoch ist das Erscheinungsbild von einer angehenden Trageerschöpfung beim Pferd viel differenzierter und beginnt schon lange bevor die Muskulatur im Rückenbereich atrophiert und absinkt. Daher unterteilen wir die Anzeichen für Trageerschöpfung in körperliche Veränderungen, Verhaltensveränderungen und ein verändertes Gangbild.

Körperliche Veränderungen:

  • Deutlicher Unterhals
  • Axthieb vor dem Widerrist
  • Übertrieben deutliche Schultermuskulatur und Vorderbeinmuskulatur
  • Rückständige Vorderhand, auch zehen- oder bodeneng
  • Untergeschobene Hinterhand
  • Weiche, durchtrittige Fesseln bis hin zum Fesselträgerschaden
  • Hervortretendes Brustbein
  • Durchhängender Bauch mit deutlicher Bauchwandvene (auch sichtbar, wenn Pferd in Ruhe ist, nicht gearbeitet wurde und draußen keine sommerliche Hitze herrscht)
  • Senkrücken, atrophierte (rückbildende) Muskulatur, Sichtbarwerden der Dornfortsätze
  • Aufgewölbter Lendenbereich, Übergang zwischen Lende und Kreuzbein sinkt hingegen ab

Dem Pferd fehlt bei einer Trageerschöpfung die Kraft in der Rumpfmuskulatur, weshalb sich das Gebäude des Pferdes verschiebt, um die fehlende Kraft zu kompensieren. Der gesamte Schwerpunkt des Pferdes schiebt sich sozusagen nach vorne unten. Da dem Pferd das Schlüsselbein als Stabilisator zwischen den Schulterblättern fehlt, schiebt es seine Vorderbeine zusammen, um den Brustkorb an der völligen Entgleisung zu hindern. In der Folge verspannt die restliche Muskulatur des gesamten Pferdekörpers: der Widerrist sinkt ab, die Lendenmuskulatur verspannt und „verformt“ sich.

Diese für Trageschwäche typischen Anzeichen lassen sich in Kombination mit Verhaltensänderungen und einem veränderten Gangbild frühzeitig erkennen.

Verändertes Gangbild:

  • Taktfehler und häufiges Stolpern
  • Lahmheiten
  • Flacher Bewegungsablauf
  • Lautes Abfußen, kein federnder Gang als Zeichen dafür, das Pferd erschöpft ist
  • Steifer Gang, das Pferd lässt sich nicht biegen und stellen

Verhaltensveränderungen im Training

  • Leistungsabfall
  • Schlechte Rittigkeit
  • Widersetzendes Verhalten durch Schmerzen

Verändern sich die körperlichen Strukturen des Pferdes, gehen häufig auch Schmerzen damit ein. Nicht zuletzt hat die Trageerschöpfung auch negative Auswirkungen auf die Psyche des Pferdes, das seine Freude an der Bewegung und der Arbeit mit dem Menschen verliert – es kommt zu Leistungseinbußen bis hin zu widersetzendem Verhalten. Insbesondere letzteres ist erheblichen Schmerzen geschuldet, die durch verspannte Muskeln, verdrehte Wirbel und eingeklemmte Nerven hervorgerufen werden können.

Wie kommt eine Trageerschöpfung beim Pferd zustande?

Vor allem Pferde mit langem Gebäude haben häufig mit Rückenproblemen zu kämpfen, da der Abstand zwischen den beiden „Pfeilern der Brücke“ (Vor- und Hinterhand) groß ist und die Strukturen mehr arbeiten müssen, um die Brückenspannung zu halten. Doch nur weil rechteckige Pferde mit langem Rücken schneller mal eine Trageerschöpfung bekommen können, heißt das nicht, das andere Pferde davor gefeit sind. Dennoch kann man sagen, dass gedrungene Pferde mit kurzem Rücken und kräftigen Röhrbeinen die besseren Lastenträger sein können.

Merke!
Nicht immer entsteht eine Trageerschöpfung beim Pferd durch Fehler des Reiters oder mangelhaftes Training. Auch ein ungerittenes Pferd kann aufgrund eines schwachen Rumpfes seine Tragfähigkeit verlieren.

Anatomie verstehen

Um zu verstehen, wie es zu einer Trageerschöpfung beim Pferd kommen kann, müssen wir die Anatomie des Pferdes verstehen: Der Brustkorb des Pferdes ist einerseits zwischen Vorder- und Hinterhand, andererseits zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Zwischen den Schultern, anders als bei uns Menschen, wird der fassähnliche Rumpf nicht durch ein knöchernes Schlüsselbein an Ort und Stelle gehalten, sondern über Bindegewebe.

Aus diesem Grund kann das Pferd federnd laufen und Sprünge besser abfedern: Der Rumpf mit dem Brustbein als Spitze kann so hin und her schwingen. Gleichzeitig haben die Rücken- und Bauchmuskeln dann aber mehr Arbeit, dieses schwingende Fass in Schach zu halten, damit es nicht „durchrutscht“. Ein tragfähiges Pferd benötigt daher nicht nur starke Rücken-, sondern insbesondere leistungsstarke Bauchmuskeln.

Fehlt dem Pferd eine intakte und leistungsfähige Rumpfmuskulatur verlagert sich der Schwerpunkt immer weiter nach vorne. Und weil im Pferdekörper alle Strukturen über Faszien (Bindegewebe) miteinander verbunden ist, wirkt sich das vom Hals bis zur Kruppe aus. Das gesamte Pferde verspannt sich und es kommt zu den körperlichen Veränderungen wie oben beschrieben.

Aber wie kommt es nun, dass die Rumpfmuskulatur so viel Kraft verliert, dass es den eigenen Körper nicht mehr halten kann? Die Gründe für schwache Bauch- und Rückenmuskeln sind vielfältig:

  • Trainingsfehler
  • Gewicht des Reiters
  • Anatomie und Hufe
  • Zucht
  • Ausrüstung
  • Haltung mit zu wenig Bewegungsanreizen
  • Lungenprobleme
  • Stress
  • chronische Schmerzen

Trainingsfehler & Einfluss des Reiters

Da Pferde von Natur aus keine Lastenträger sind, ist falsches, mangelhaftes und zu viel Training einer der Hauptgründe der Trageerschöpfung bei Pferden. Viele junge Pferde werden zu früh zu viel belastet, wobei das Wachstum erst mit 6-8 Jahren abgeschlossen ist. Nicht selten gehen Jungpferde bereits mit drei Jahren ihre erste Leistungsprüfung und vierjährig die ersten Turniere. Die noch unausgereiften Sehnen und Bänder sind auf solche Belastung schlichtweg nicht ausreichend vorbereitet.

Auch eine lückenhafte Ausbildung und mangelndes Muskeltraining führen zu einer Fehl- und Überlastung des gesamten Bewegungsapparates des Pferdes – bis dieser kapituliert und nachgibt. Es geht dabei nicht allein um eine unzureichende Jungpferdeausbildung, auch das alltägliche Training von erwachsenen Reitpferden ist äußerst anfällig für die totale Erschöpfung der Muskulatur des Pferdes. Häufig fehlt hierbei der Blick für pferdegerechtes Training und für korrekt gerittene Lektionen, Gangarten, Stellung, Biegung etc. Um nur einige Beispiele zu nennen:

  • falsch verstandene Dehnungshaltung: das Pferd läuft auf der Vorhand, zu tiefe Kopf-Halshaltung, das Pferd fächert den Rücken nicht auf und hebt nicht den Widerrist an, sondern trottet mit der Nase im Sand umher.
  • zu hohes Tempo: das Pferd flitzt, entwickelt aber keinen Schub, die Hinterhand tritt nicht unter und ist nicht aktiv. Die Entwicklung der Tragkraft ist bei zu hohem Tempo schlichtweg nicht möglich.
  • Absolute Aufrichtung: das Pferd wird in eine aufgerichtete Halshaltung gezwungen, der Rücken drückt sich weg und verhindert ein Auffächern der Wirbel (Gefahr von Kissing Spines).
  • Harte Reiterhand: ein Festhalten des Halses und starken Zug auf die Kieferladen führen zu psychischen und physischen Verspannungen des Pferdes. Auch Stress verhindert den Aufbau einer gesunden, tragfähigen Muskulatur.
  • Überforderung: zu lange, harte und häufige Trainingseinheiten bauen keine tragfähigen Muskeln auf – eher das Gegenteil ist der Fall. Ohne Regenerationsphasen während des Trainings und zwischen den Einheiten erschöpft die Muskulatur und bildet sich zurück.
  • Einfluss des Reiters: zu schwere Reiter, die zudem unausbalanciert sind, sind eine zusätzliche Belastung, die das Pferd kompensieren muss. Ist der Reiter zudem nicht fähig, dem Pferd einen angemessenen Muskelaufbau zu bieten, hat das Pferd doppeltes Nachsehen.
Merke!
Pferde sind Meister im Kompensieren: Sie können über einen sehr langen Zeitraum Fehler in ihrer Ausbildung durch Schonhaltungen und Fehlbelastungen ausgleichen. Doch auch diese Kompensationsfähigkeit hat Grenzen. Die dadurch entstehenden Schmerzen können schließlich zu einer vollständigen Erschöpfung der Strukturen führen.

Anatomie und die moderne Pferdezucht

Manche Pferde sind aufgrund ihrer Anatomie nicht zwingend für eine Trageerschöpfung prädestiniert, dafür ist ihr Muskelaufbau und damit die Herbeiführung einer Tragekompetenz mit gewissen Herausforderungen verbunden. Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) hat in einer Studie herausgefunden, dass Pferde mit kurzem Rücken, breiter Lende und dicken Röhrbeinen die besseren Lastenträger sind als grazile Pferde mit langen Beinen und langem Rücken. Vor allem Pferde vom „alten Schlag“ wurden mit Hinblick auf Gesundheit und Belastungsfähigkeit gezüchtet. Mit der modernen Reitpferdezucht versuchte man zwar Gebäudemängel wie Karpfen- oder Senkrücken zu eliminieren, das neue Zuchtziel ging aber auch in die Höhe und Länge. Es wurde mehr Wert auf ausladende Bewegungen gelegt und weniger auf die Fähigkeit, diesen spektakulären Bewegungen auch standhalten zu können.

Neben dem grundsätzlichen Körperbau spielen auch die Hufe als das Fundament eine entscheidende Rolle. Eine Huffehlstellung und eine mangelhafte Bearbeitung können zu Fehlbelastungen führen, die das Pferd muskulär kompensieren muss. Es entstehen Verspannungen, die einen gesunden Muskelaufbau ausschließen. Achte bei der Hufbearbeitung darauf, dass der Abrollpunkt der Anatomie des Pferdes entsprechend gewählt ist, die Zehen nicht zu lang oder zu kurz sind, damit das Pferd in seiner Bewegung nicht behindert wird.

Weitere Punkte, die eine Trageerschöpfung provozieren können, sind:

  • Das Alter: mit dem Alter nehmen die Muskeln ab, sie zu erhalten wird schwieriger und damit auch die Kompetenz den eigenen Körper plus Last zu halten.
  • Trächtigkeit: Für die Trächtigkeit und Geburt dehnen sich die Bänder, um das wachsende Fohlen in der Gebärmutter halten zu können. Nach der Geburt ist nach einer gewissen Schonfrist vorsichtiges Aufbautraining nötig (ähnlich dem Rückbildungstraining für Menschen), um die Tragefähigkeit des Rumpfes wiederherzustellen.
  • Genetisch bedingte Bindegewebsschwäche

Unpassende Ausrüstung

Ein universelles Problem für viele Baustellen in der Pferdegesundheit ist eine unpassende Ausrüstung. So kann ein falsch sitzender Sattel Druckpunkte erzeugen, die zu atrophierender Muskulatur führen. Auch die Verwendung von Sattelkissen, Lammfellkissen oder Gelkissen, um das Ungleichgewicht eines Sattels auszugleichen wird die Probleme nur verstärken. Damit wird die Ursache nicht an der Wurzel gepackt, sondern nur vertuscht. Der Sattel liegt auf der Sattelunterlage instabiler, ebenso der Reiter darauf und das Pferd ist wieder derjenige, der es kompensiere muss.

Auch ein zu eng geschnalltes Reithalfter kann zu Verspannungen und auf lange Sicht zu Trageerschöpfung führen. Sind Nasen- und Sperrriemen zu eng geschnallt und verhindern die Kautätigkeit des Pferdes, kann die komplette Rückenmuskulatur nicht locker arbeiten.

Zu guter Letzt falsch verwendete Hilfsmittel: zu kurz geschnallte Hilfszügel oder an sich die Verwendung von Hilfszügeln, wo sie überhaupt nicht gebraucht werden, engen das Pferd in seiner Bewegung ein, lehren es nicht, seine Bauch- und Rückenmuskeln angemessen an- und abzuspannen und dadurch seine Tragfähigkeit zu trainieren.

📖 Lesetipp: Der Sattel ist das Verbindungsstück zwischen Reiter und Pferd und sollte in erster Linie dem Pferd ideal passen. Drückt er, kippt er oder rutscht er, ist das nicht nur für das Pferd störend, es kann die Muskeln auch schwinden lassen und zu Schmerzen führen.

👉🏼 Lies dafür unseren ausführlichen Artikel über „Sattelzwang bei Pferden – wenn Satteln zum Problem wird“ .

Ist Trageerschöpfung eine Diagnose oder Symptom?

Eine Diagnose wie beispielsweise der Nachweis von Influenza gibt es bei einer Trageerschöpfung nicht. Die Trageerschöpfung beim Pferd ist wie der typische Senkrücken ein Symptom, da es sich nicht um eine Erkrankung handelt. Sie kann wiederum zu schweren Folgeerkrankungen wie Kissing Spines, Spat, Arthrose oder Fesselträgerschäden führen, Trageermüdung hingegen ist keine Erkrankung.

Um also festzustellen, ob ein Pferd auf dem Weg zur totalen Ermüdung seiner Rumpfmuskulatur ist, solltest du die ersten Anzeichen ernstnehmen und frühzeitig gegensteuern.

Häufig ist es der Fall, dass die fehlende Tragekompetenz des Rumpfes dem Menschen erst auffällt, wenn das Pferd ein dickes Bein hat. Der Ultraschall zeigt dann ein deutliches Loch in der Sehne. Bis es aber zu diesem Loch in der Sehne kommt, hat über einen langen Zeitraum eine immens große Fehlbelastung stattgefunden, die das Pferd durch Schonhaltungen für das unachtsame Auge gut verbergen konnte. Der schwache, untrainierte Bauch- und Rückenmuskel führte schließlich zu dem Sehnenschaden. Wären die ersten Anzeichen früher aufgefallen, hätte man das unschöne Loch im Fesselträger vermeiden können.

Für immer unreitbar? Kann ein Pferd mit Trageerschöpfung noch geritten werden?

In der Akutphase ist das Reiten eines Pferdes mit Trageerschöpfung absolut tabu. Dennoch können trageschwache Pferde grundsätzlich wieder reitbar gemacht werden. Es bedarf dafür viel Geduld, Zeit und ein systematisches Muskelaufbautraining. Beim Training sollte der Fokus nicht allein auf die Muskulatur von Hals und Rücken liegen, um eine harmonische Oberlinie wiederherzustellen. Die Bauchmuskeln spielen als Gegenspieler der Rückenmuskeln eine ebenfalls entscheidende Rolle. Nachfolgend zeigen wir dir vielfältige Möglichkeiten, wie du die Tragefähigkeit deines Pferdes wiederherstellen und eine gesunde, belastbare Muskulatur erhalten kannst.

Nur in den seltensten Fällen hat das Pferd solche massiven körperlichen Veränderungen durch die Trageermüdung erhalten, dass diese irreversibel sind. Ein Pferd mit einem chronischen Senkrücken sollte keinen Reiter mehr tragen.

Aufbautraining für Pferde mit Trageerschöpfung – Der Weg zurück in die Tragkraft

Für die Korrektur bzw. Wiederherstellung der Tragkraft bedarf es Monate Zeit und ein systematisches, durchdachtes Training, bei dem auf kurze Einheiten und viele Pausen zur Regeneration wert gelegt wird. Erste Ergebnisse und sichtbare Verbesserungen kannst du erst ab circa drei Monaten erwarten.

Bedenke, dass ein Pferd, das sich selbst nicht tragen kann, mitunter Schmerzen hat. Der erste Schritt ist demnach, mit Tierarzt und Physiotherapeuten diese Schmerzen zu eliminieren. Erst dann kann das Training beginnen. Physiotherapie genauso wie Massagen zur Lockerung der Muskulatur und zum Lösen von Blockaden kann als begleitende Maßnahme zum Training sinnvoll sein.

Ein paar grundsätzliche Regeln für das Muskelaufbautraining

  • Vor jeder Einheit mindestens 20 Minuten warmlaufen
  • Abkauübungen vor den Einheiten für ein lockeres Kiefergelenk sind Grundstein für lockere Hals- und Rückenmuskeln
  • Besser kurze Einheiten, die selten länger als 20 bis 25 Minuten, besser 5 bis 10 Minuten sind
  • Viele Pausen zur Regeneration – innerhalb der Trainingssession und zwischen den Einheiten. Erst in der Regenerationsphase bauen sich Muskeln auf
  • Kooperiert dein Pferd nicht? Suche nach dem Grund für das Nein deines Pferdes

📖 Lesetipp: Abkauübungen für eine lockere und entspannte Genick-Kiefer-Halsmuskulatur sollte jeder Reiter kennen.

Wir haben einige Übungen für zuhause für dich zusammengestellt im Artikel „Genick & Kiefer beim Pferd entspannen – Übungen für zu Hause“.

👉🏼 Wir haben im Artikel „Genick & Kiefer beim Pferd entspannen – Übungen für zu Hause“ einige Übungen für dich zusammengestellt.

Merke!
Dein Pferd kann mitunter in falschen Bewegungsmustern gefangen sein. Daher können selbst die richtigen Übungen dennoch schädlich für dein Pferd und seine Regeneration sein. Das Pferd muss zuerst lernen, seinen Körper neu wahrzunehmen und seine Bauchmuskeln wieder einzusetzen, um seinen Brustkorb anzuheben. Den Weg dorthin zeigst du ihm am besten mit klassischer Handarbeit vom Boden aus. Erst wenn das Pferd gelernt hat, seinen Rumpf anzuheben, kannst du auf Distanz gehen und die Übungen zunächst am langen Zügel und anschließend an der Longe wiederholen.

Einstiegsphase: Mobilisieren

In der Schonphase, den ersten zwei bis drei Wochen, heißt es nur: Schritt führen. Mache dafür Spaziergänge, die nicht länger als 30 Minuten sind, und gehe Wege über verschiedene Untergründe, Steigungen und Neigungen. Das Pferd muss erst einmal lernen, seinen Körper wieder wahrzunehmen und korrekt einzusetzen. Und das geht am besten durch abwechslungsreiches Gelände.

Anschließend geht es sanft mit Bodenarbeit weiter: Dehnübungen und Führtraining über Stangen helfen die Bauch

🎥 Videotipp: Entspannung für den Pferderücken – diese Übungen helfen dabei

Person führt Dehnübungen mit einem Pferd im Stall durch, um die Rückenmuskulatur zu entspannen und die Beweglichkeit zu fördern.

Aufbauphase: Kräftigen

Im nächsten Schritt wird die Kernmuskulatur gestärkt, die nicht durch bewusstes Anspannen gezielt angesprochen werden kann. Vielmehr werden die Kern- und Tiefenmuskeln durch abwechslungsreiche Bewegungen und Balancetraining trainiert. Gestalte die Trainingseinheiten kurz von maximal 15 Minuten, aber abwechslungsreich, um das Pferd nicht zu ermüden. Beschränke das Training auf maximal drei Einheiten pro Woche.

  • Cavaletti-Training mit unterschiedlichen Abständen
  • Erste Trabarbeit einbauen
  • Bergtraining im Gelände
  • Longenarbeit mit Kappzaum (ohne Ausbinder)
  • Doppellonge
  • Equikinetic
  • Balance Training mit Balance Pads oder Wippen
  • Korrekt ausgeführte Seitengänge an der Hand

Achte bei den Seitengängen auf ein lockeres Genick, das sich nicht verwirft und nicht zu weit abgestellt ist. Der Widerrist sollte höher kommen und das Pferd eine Aufwärtstendenz zeigen.

Die Bodenarbeit bietet vielfältige Möglichkeiten, die Muskulatur des Pferdes zu kräftigen, geschmeidig zu halten, die Tragfähigkeit wiederherzustellen und die Koordination zu verbessern. Weiterhin wirkt sich die Abwechslung positiv auf die Psyche und Motivation des Pferdes aus, was ihm seine Freude an der Bewegung zurückgeben kann.

📖 Lesetipp: Weitere Ideen für die Bodenarbeit findest du im Artikel „Bodenarbeit Pferd: Alles Wissenswerte mit Übungen zum Downloaden“ .

Fortgeschrittene Phase

Hat das Pferd nach einigen Wochen optische und auch leistungsbezogene Verbesserungen vorzuweisen, kann die Arbeit unter dem Sattel langsam wieder begonnen werden. Achte auch hier auf die ersten Ermüdungszeichen deines Pferdes und beende die Einheit frühzeitig, um die Muskulatur einem Reiz auszusetzen, sie aber nicht zu überfordern.

Auch hier sei einmal mehr erwähnt, dass eine Sattelanalyse unabdinglich ist. Insbesondere, da das Pferd im Aufbautraining starken körperlichen Veränderungen unterliegt. Daher sollte der Sattel auf seine Passform regelmäßig hin untersucht und angepasst werden (zusätzliche Sattelunterlagen und Pads sind keine Lösung!)

Mögliche Übungen in der fortgeschrittenen Phase zur Wiederherstellung der Tragfähigkeit des Pferdes können sein:

  • Gymnastikfolgen unter dem Sattel
  • Übergänge zwischen Gangarten
  • Volten- und Zirkeltraining: Vergrößern und Verkleinern der Zirkel
  • Wechsel zwischen gebogenen und geraden Linien
  • Bodenhindernisse: Trabstangen, Cavaletti, Cavaletti-Parcours und kleine Sprünge
  • Seitwärtsgänge unter dem Reiter

📖 Lesetipp: Weitere nützliche Tipps und Übungen kannst du im Artikel „Rücken stärken beim Pferd – Übungen für zu Hause“ nachlesen.

🎥 Videotipp: Gymnastizierung für Rücken- und Bauchmuskeln

Braunes Pferd beim Longieren über Cavaletti in einer Reithalle zur Gymnastizierung und Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur. Oben links ist das ClipMyHorse.TV-Logo eingeblendet.
Merke!
Nach einem erfolgreichen Aufbautraining und der Wiederherstellung der Tragfähigkeit kann das zuvor trageschwache Pferd gewachsen sein. Um den Erfolg zu messen, kannst du zu Beginn des Aufbautrainings und anschließend nach etwa einem Jahr das Stockmaß deines Pferdes messen. Dabei wirst du möglicherweise feststellen, dass dein Pferd bis zu 2 cm gewachsen ist.

Für den Erfolg des Muskeltrainings von tragschwachen Pferden ist das Zusammenspiel von Training, Haltung, Fütterung, Massage und Physiotherapie ausschlaggebend. Optimiere also auch die Fütterung, um den Muskeln alle nötigen Nährstoffe, Bausteine und Vitamine zu liefern und schenke dem Pferd ausreichend Bewegungsanreize mit einer optimierten Haltung. Nur so bleibt das Pferd auch auf lange Sicht gesund, fit und stabil.

📖 Lesetipp: Du brauchst mehr Informationen zum Muskelaufbau? Dann lies unseren Artikel „Muskelaufbau Pferd: Von der Fütterung bis zur Fitness“ .

🎥 Videotipp: Muskelaufbau – was brauchen Muskeln zum Wachsen?

Schwarzes Sportpferd im Seitenprofil vor einem Stallgebäude. Das Bild veranschaulicht die Muskulatur eines trainierten Pferdes und dient als Illustration zum Thema Muskelaufbau. Oben links ist das ClipMyHorse.TV-Logo sichtbar.

Grundsätze zur Vermeidung von Trageerschöpfung

  • Training beenden, sobald das Pferd erste Ermüdungserscheinungen zeigt
  • Schultermuskeln mobilisieren
  • Biegung und Stellung korrekt reiten: das Pferd muss in der Kurve ordentlich eingerahmt und stabilisiert werden; es darf nicht durch die Kurve kippen oder auf die innere Schulter fallen.
  • Den Gegebenheiten angepasstes Tempo: Reite in den Kurven langsamer und wirf dich nicht mit dem Pferd wie ein Motorrad auf der Rennstrecke um die Kurve. Durch die hohen Zugkräfte (mitunter bis zu einer Tonne), die dann auf die Dornfortsätze wirken, ermüden die Muskeln zu schnell.

FAQs zur Trageerschöpfung beim Pferd

Ist Reiten bei einer Trageerschöpfung komplett tabu?

In der Akutphase ist Reiten definitiv tabu, in der Schon- bzw. Einstiegsphase zum Wiederaufbau ebenfalls – hier wird das Pferd komplett vom Boden gearbeitet. Das Pferd kann sich selbst nicht mehr tragen und muss sich zuerst ohne Reitergewicht komplett regenerieren. Erst in der Aufbau- oder fortgeschrittenen Phase, wenn das Pferd seine Grundbalance und Grundspannung im Rumpf zurückgewonnen hat, können kurze Einheiten unter dem Sattel wieder aufgenommen werden.

Können spezielle Sättel bei einer Trageerschöpfung helfen?

Ein perfekt sitzender Sattel bildet bei der Ausrüstung die Basis für die Gesunderhaltung eines jeden Reitpferdes. Einen speziellen Reitsattel für Pferde mit Trageerschöpfung gibt es nicht. Fehlt die Muskulatur, muss diese wieder aufgebaut werden. Ein regelmäßiger Chek-up durch einen Sattler oder Sattelanpasser ist essentiell.

Wie schwer darf ein Reiter bei einem Pferd mit Trageerschöpfung sein?

Um eine Trageerschöpfung beim Pferd zu vermeiden, sollte der Reiter zum Pferd passen. Es gibt unterschiedliche Richtwerte, mit denen sich das Reitergewicht im Verhältnis zum Pferd beurteilen lassen. So geben einige Studien an, dass das Reitergewicht inklusive Kleidung und Ausrüstung 15 bis 18 % des Pferdegewichts nicht überschreiten sollte. Bei 20 % kann das Pferd bereits Schäden davontragen.

Weiterhin spielt aber auch das Exterieur des Pferdes eine Rolle, ob es über ein tragfähiges Fundament verfügt. Neben dem Rückenbau kann über den sogenannten Röhrbeinbelastungsindex (RI), der von der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) entwickelt wurde, das gesunde Verhältnis zwischen Reitergewicht und Pferd ausgerechnet werden.

Welche Fütterung hilft bei einer Trageerschöpfung beim Pferd?

Die Pferdefütterung ist ein wichtiger Teilaspekt in der Behandlung von Trageschwäche und Senkrücken. Denn die Muskulatur benötigt Eiweiße und Mineralien, um gesund zu bleiben. Für einen intakten Muskelstoffwechsel sind Vitamin E, Selen, Magnesium und Aminosäuren wichtig.

  • Magnesium für lockere Muskeln, verhindert verkrampfen
  • Aminosäuren (Bausteine der Eiweiße) sind Grundbaustein der Muskeln
  • Vitamin E und Selen unterstützen den Muskelstoffwechsel
  • Grünlippmuschel: Muschelpulver enthält Glucosamin und Chondroitin, was für gesunde Gelenke, Knorpel und Synovia (Gelenkschmiere) nützlich ist

Ist Trageerschöpfung beim Pferd vollständig heilbar?

Ja, eine Trageerschöpfung beim Pferd kann regeneriert werden, insbesondere, wenn sie frühzeitig erkannt und gegengesteuert wurde. Ein Senkrücken, der allein durch durchhängendes Bindegewebe entstanden ist, kann somit durch einen systematischen Muskelaufbau wieder angehoben werden. Dennoch sollte auch nach der Genesung und Wiederherstellung der Tragfähigkeit auf eine ordentliche Gymnastizierung geachtet werden, um den Rumpf tragfähig und das Pferd gesund zu halten.

Autor*in
Mirjam-Sophie FreigangMehr VON CMH.TV

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