
Wire Nose Syndrom beim Pferd – Ursachen, Verlauf, Prognose & ethische Einordnung
Das Wire Nose Syndrom, auch bekannt als Campylorrhinus lateralis, beschreibt eine angeborene Fehlbildung des Gesichtsschädels beim Pferd. Der Artikel beleuchtet detailliert die anatomischen Hintergründe, mögliche Ursachen, Symptome, Diagnostik, Behandlungsansätze und die Prognose für betroffene Fohlen und Pferde. Zudem wird die Erkrankung aus tierschutzrechtlicher und ethischer Sicht eingeordnet und es wird aufgezeigt, welche Rolle Tierärzte, Züchter und Pferdehalter im Umgang mit dieser schwerwiegenden Diagnose spielen.
Inhaltsverzeichnis
Was ist das Wire Nose Syndrom beim Pferd?
Das Wire Nose Syndrom beim Pferd ist eine angeborene Fehlbildung des knöchernen Gesichtsschädels, bei der es zu einer seitlichen Abweichung der Nase und meist auch des Oberkiefers kommt. In der veterinärmedizinischen Fachsprache wird diese Fehlbildung als Campylorrhinus lateralis bezeichnet. Der Begriff beschreibt dabei sehr treffend das Erscheinungsbild: Die Nase wirkt wie „gebogen“ oder zur Seite gezogen.
Die Fehlbildung ist bereits bei der Geburt vorhanden und entsteht während der Embryonalentwicklung. Anders als erworbene Deformationen handelt es sich nicht um eine Folge von Trauma oder Krankheit nach der Geburt, sondern um eine kongenitale Anomalie, die das Pferd von Beginn seines Lebens an begleitet.
Je nach Ausprägung kann das Wire Nose Syndrom ein rein äußerlich sichtbares Problem sein oder aber zu massiven funktionellen Einschränkungen führen, die Atmung, Nahrungsaufnahme und damit die Überlebensfähigkeit des Fohlens betreffen.
Häufigkeit & betroffene Pferde
Das Wire Nose Syndrom zählt zu den seltenen Fehlbildungen beim Pferd. Verlässliche statistische Zahlen existieren kaum, da viele betroffene Fohlen entweder frühzeitig euthanasiert werden oder die Fälle nicht systematisch erfasst werden. Beobachtet wurde das Syndrom bei unterschiedlichen Rassen, darunter Warmblüter, Ponys, Kaltblüter und vereinzelt auch Vollblüter.
Ein gehäuftes Auftreten in bestimmten Linien wird immer wieder diskutiert, konnte wissenschaftlich jedoch bislang nicht eindeutig bestätigt werden.
Ursachen: Wie entsteht das Wire Nose Syndrom?
Die Ursachen des Wire Nose Syndroms sind bis heute nicht abschließend geklärt. Die Forschung geht von einem multifaktoriellen Geschehen aus. Diskutiert werden unter anderem:
- Fehlentwicklungen während der Embryogenese, insbesondere im Bereich der Gesichtsknochen
- Genetische Faktoren oder spontane Mutationen
- Mechanische Einflüsse im Mutterleib, etwa durch Platzmangel oder Lageanomalien
- Durchblutungsstörungen der Plazenta während sensibler Entwicklungsphasen
- Umwelteinflüsse, toxische Substanzen oder Mangelzustände während der Trächtigkeit
Ein klar definierter Erbgang konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Dennoch wird empfohlen, betroffene Tiere nicht in der Zucht einzusetzen, um potenzielle genetische Risiken zu minimieren.
Anatomische Veränderungen und funktionelle Folgen
Beim Wire Nose Syndrom sind meist mehrere anatomische Strukturen betroffen. Die sichtbare Schiefstellung ist dabei nur ein Teil des Problems.
Typische Veränderungen umfassen:
- Seitliche Verlagerung der Nasenbeine
- Asymmetrie des Oberkiefers mit Fehlstellung der Schneidezähne
- Verengung oder Verlagerung der Nasengänge
- Beteiligung der Nasennebenhöhlen
- Störungen im Übergang zwischen Nasen- und Rachenraum
Diese Veränderungen können erhebliche funktionelle Einschränkungen nach sich ziehen. Besonders kritisch sind Probleme bei der Atmung und beim Saugen, da Fohlen in den ersten Lebensstunden vollständig auf eine funktionierende Nahrungsaufnahme angewiesen sind.
Symptome: Woran erkennt man das Wire Nose Syndrom?
Die Symptome sind in der Regel direkt nach der Geburt erkennbar. Der Schweregrad kann jedoch stark variieren.
Häufige Anzeichen sind:
- deutlich schief stehende Nase
- ungleich große oder asymmetrische Nüstern
- Atemgeräusche, erschwerte Atmung oder Atemnot
- Probleme beim Saugen an der Stute
- Milchaustritt aus den Nüstern
- unzureichende Gewichtszunahme
- Schwäche oder Apathie
In schweren Fällen kommt es bereits in den ersten Lebenstagen zu einer lebensbedrohlichen Situation.
Diagnostik: Wie wird das Wire Nose Syndrom untersucht?
Die Diagnose erfolgt zunächst über den klinischen Sichtbefund. Ergänzend sind weiterführende Untersuchungen sinnvoll, um das tatsächliche Ausmaß der Fehlbildung zu erfassen:
- Röntgenaufnahmen des Schädels, um Knochenverläufe und Asymmetrien darzustellen
- Endoskopische Untersuchung der oberen Atemwege
- Computertomographie (CT) bei komplexen Befunden oder zur OP-Planung
Ziel der Diagnostik ist es, realistisch einschätzen zu können, ob eine ausreichende Atmung und Futteraufnahme möglich sind.
Therapie & Behandlungsmöglichkeiten
Eine ursächliche Heilung des Wire Nose Syndroms ist nicht möglich. Die Therapie richtet sich ausschließlich nach dem individuellen Schweregrad und den funktionellen Einschränkungen.
Konservative Betreuung
Bei milden Ausprägungen kann eine intensive Betreuung sinnvoll sein. Dazu gehören:
- Unterstützung bei der Fütterung
- Umstellung auf leicht aufzunehmende Futtermittel
- engmaschige tierärztliche Kontrolle
Chirurgische Korrekturen – Möglichkeiten und Grenzen
In der Fachliteratur werden vereinzelt operative Korrekturen beschrieben. Diese Eingriffe sind jedoch technisch sehr anspruchsvoll und mit erheblichen Risiken verbunden. Zudem ist die Prognose unsicher, insbesondere bei schweren Fehlbildungen.
Aus diesem Grund werden chirurgische Maßnahmen nur in sehr ausgewählten Einzelfällen empfohlen.
Prognose: Lebensqualität & Überlebenschancen
Die Prognose beim Wire Nose Syndrom ist stark vom Ausmaß der Fehlbildung abhängig:
- Leichte Formen können mit Einschränkungen ein lebenswertes Leben ermöglichen
- Mittlere Formen gehen häufig mit chronischen Problemen einher
- Schwere Formen haben meist eine schlechte Prognose
In vielen Fällen muss aus tierschutzrechtlicher Sicht eine Euthanasie in Betracht gezogen werden, um unnötiges Leiden zu vermeiden.
Emotionale Praxisbeispiele & Erfahrungsberichte
Öffentlich bekannte Fälle wie der Hengst Clippy oder das Fohlen Tessa zeigen, wie unterschiedlich der Verlauf sein kann. Sie machen zugleich deutlich, wie belastend die Situation für Halter, Züchter und Tierärzte ist und wie wichtig eine ehrliche Abwägung zwischen Hoffnung und Tierwohl bleibt.
🎥 Video Tipp: Hinter jedem Fall stehen schwierige Entscheidungen – dieses Video aus der ClipMyHorse Academy beleuchtet anhand des realer Beispiels von Clippy, worauf es bei Diagnostik, Optionen und Tierwohl-Abwägung ankommt.

Ethische Verantwortung & Entscheidungsfindung
Der Umgang mit einem Pferd mit Wire Nose Syndrom erfordert nicht nur medizinisches Fachwissen, sondern auch ethische Verantwortung. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist automatisch im Sinne des Tierwohls.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und Besitzer ist unerlässlich.
Zucht & Prävention
Auch wenn kein gesicherter Erbgang bekannt ist, gilt:
- betroffene Pferde nicht zur Zucht einsetzen
- Zuchtlinien kritisch beobachten
- Auffälligkeiten dokumentieren
Eine gezielte Prävention ist derzeit nicht möglich.
Fazit: Wire Nose Syndrom beim Pferd
Das Wire Nose Syndrom ist eine seltene, aber schwerwiegende angeborene Fehlbildung beim Pferd. Die Entscheidung über Therapie oder Euthanasie erfordert Fachwissen, Empathie und Verantwortung. Im Mittelpunkt sollte immer die Lebensqualität des Pferdes stehen.
FAQ – Häufige Fragen zum Wire Nose Syndrom
Ist das Wire Nose Syndrom heilbar?
Nein, eine vollständige Heilung ist nicht möglich.
Ist das Wire Nose Syndrom genetisch bedingt?
Ein klarer Erbgang ist nicht nachgewiesen, genetische Faktoren werden jedoch diskutiert.
Kann ein Pferd mit Wire Nose Syndrom ein normales Leben führen?
Bei milden Formen ist dies möglich, bei schweren Ausprägungen meist nicht.
